Ein Buch als Weckruf

  • Lesedauer:4 Min. Lesezeit
  • Beitrags-Kategorie:Archiv / Sonstiges

Artur Oberhofer ist Chefredakteur der „Südtiroler Tageszeitung“ und ein rennomierter Investigativ-Journalist, der brisante Skandale aufgedeckt und einige Bücher geschrieben hat. Mit „Benno – Wie ein junger Mann zum Elternmörder wurde“ packt Oberhofer ein ausgesprochenes Tabu-Thema an, das weit über die Enge Südtirols hinausreicht. Unverdrossen und mutig, wie es Oberhofers Art ist.

Sohn erdrosselt Eltern

Der Plot: Benno, Sohn aus einer gut situierten Bozner Familie, hat Mutter und Vater erdrosselt, sie kaltblütig in den Fluss versenkt und Familie und Öffentlichkeit wochenlang zum Narren gehalten. Als ihm die Polizei auf die Spur kommt, gesteht Benno die Tat und wird rechtskräftig verurteilt: zweimal lebenslang.  

Amtliche Protokolle sprechen für sich

Artur Oberhofer hat – wie als Investigativ-Journalist gewohnt – Tausende Seiten Gerichtsakten, Untersuchungs- und Vernehmungsprotokolle durchgeackert, das Ergebnis auf 422 Seiten eingedampft und im Eigenverlag (AROB) publiziert. Er lässt die amtlich festgehaltenen Abläufe, Aussagen, Chats usw. für sich sprechen und verzichtet auf zusätzliche Interviews, Einordnungen, Interpretationen oder gar Be- oder Verurteilungen. Das überlässt „aro“ (so sein jounalistisches Kürzel)  den Leser und Leserinnen, die sich selbst ein Bild machen müssen.

Vorzeigefamilie mit Sorgenkind

Da gibt es diese wohlhabende, gebildete und nach außen hin intakte Vorzeigefamilie:  dieses sportliche Elternpaar – auf Fotos schön anzusehen, immer gestylt, stets lächelnd. Dazu die höchst erfolgreiche kleinere Schwester, die mit 26 Jahren schon als Ärztin in München arbeitet – der ganze Stolz der Familie. Und da ist das Sorgenkind Benno, der mit 31 Jahren wieder bei den Eltern eingezogen ist und nur mit Mühe einen Teilzeitjob schafft. Der junge Mann hat eine turbulente Vergangenheit hinter sich: als muskelbepackter Influencer, zweitweise vollgestopft mit Anabolika, einer, der immer wieder aus nichtigen Gründen auszuckt, seine Schwester bedroht und seine evidenten Untaten notorisch abstreitet.

Nach Diagnose Paranoide Schizophrenie keine Therapie

Ins Elternhaus zurückgekommen ist er nach einem dramatischen Zusammenbruch bei einer Freundin in Deutschland, die ihn nach einem Selbstverstümmelungsversuch in die Psychiatrie einliefern ließ. Dort wird ihm „paranoide Schizophrenie“ attestiert. Zu Hause verweigert Benno eine therapeutische Behandlung, die ihm die Eltern immer wieder nahelegen. Nachts versperren die Eltern ihr Schlafzimmertür – aus Angst vor dem eigenen Sohn.

Krankheitsscham? Scheinheiligkeit, Hilflosigkeit?

Dieses Buch kann naturgemäß nur ein unvollständiger Ausschnitt aus der komplexen Familiengeschichte anbieten. Dennoch trifft es einen empfindlichen Nerv unserer Gesellschaft: den Umgang mit der psychischen Erkrankung eines Familienmitglieds. Das Besondere an dem Fall ist, dass er nicht irgendwo in einem prekären  sozialen Milieu spielt, sondern in einer ganz normalen Familie, von der man eigentlich davon ausgehen könnte, dass sie die intellektuelle Kraft hat, die Signale zu erkennen und Hilfe zu suchen. Ist es Krankheitsscham? Scheinheiligkeit? Warum dieses Zudecken,  Wegschauen, dieses Verdrängen.? Zu spüren ist eine erschreckende Hilflosigkeit auf beiden Seiten, die allein schon beim Lesen richtig weh tut. Da die nach außen orientierten Eltern mit der Schwester, die den Sohn irgendwie aufgeben habe. Dort der in sich eingeschlossene Benno, der sich offensichtlich niemanden anvertrauen konnte und wohl selbst nicht wusste, wie umgehen mit dem Dämon in ihm.

Es gibt immer einen Ausweg

Warum gab es niemanden, der oder die genauer hinschaute? Warum keinen oder keine, die handelte, die eingriff? Diese Frage stellt sich spätestens dann, wenn es zu ähnlichen Tragödien oder Suiziden kommt. Nicht nur in Südtirol sprechen die steil ansteigenden Selbstmorde junger Menschen Bände. Covid-Pandemie, Digitalisierung und zu viel Homeoffice haben zu einer fatalen Vereinsamung der Menschen geführt. Wichtiger denn je ist die Botschaft: Es gibt immer Auswege aus Krisen und auch Heilung. Das Tückische an psychischen Krankheiten ist aber, dass die Betroffenen oft selbst nicht begreifen, wie ihnen geschieht. Deshalb braucht es ein achtsames Umfeld und ein echtes Verständnis für dieses „Anders-Sein“. Man sollte dringend damit aufhören, seine eigene Lebensweise zum Maßstab aller Dinge ein zu zementieren, ohne einen Funkten Toleranz für Alternativen. Dieses Buch könnte ein Weckruf sein.