Ein Mann in Bewegung

| 30.01.2015 | und Sonstiges

Dass Dr.  Schönherr als Chefredakteur die APA  von einem reinen Übersetzungsbüro in eine aktive Nachrichtenagentur umgewandelt und als unabhängige Institution etabliert hat, wurde in Würdigung des Verstorbenen bereits geschrieben.

Dass Dr. Schönherr ein begnadeter und begeisterter Journalist war, wissen alle, die mit ihm zu tun hatten.  Niemals zog er sich in die Rolle eines Chefredakteures zurück, der schreiben ließ. Er hat stets selbst geschrieben, bis ins hohe Alter.

Einmal ist im alten APA-Gebäude in der Gunoldstraße  der Strom ausgefallen und alle Computer gaben w. o. Da holte sich der Chefredakteur eine klapprige Reiseschreibmaschine , hockte sich ins Stiegenhaus – wo noch ein Notlicht brannte-  und tippte seinen Reisebericht. Seitdem war er für uns Junge nur mehr „Otto, der Plötzliche“.

Als Chefredakteur hat Dr. Schönherr seiner Redaktion stets den Rücken vor Interventionen frei gehalten. Gleichzeitig regte er uns zur äußersten Objektivität und Sachlichkeit an. Und wenn uns jungen Idealisten mitunter doch einmal die Gefühle  durchgingen und in den Text rutschten – etwa gegen Kriegs-, Panzer- oder die Atomlobby – reichten schon ein paar ernste Worte des Chefredakteurs, um uns an die strikte  APA-Neutralität zu halten.

Zum ordentlichen Handwerk der APA-Redakteure gehörte zu Otto Schönherr’s Zeiten eine gründliche Vorbereitung: vor einer Pressekonferenz oder einem Interview hatte man im Archiv zu stöbern. Legendär sind die Stapel an Büchern, Unterlagen und Mappen, die uns der Herr Chefredakteur vor einer Presse-Reise stets in die Hand drückte – mit der Bitte, sie nachher zurückzubringen.

Unter der Verantwortung Dr. Schönherrs hat die APA es gewagt, mutige Schritte in die Zukunft zu gehen. Anfang der 80er Jahren hielten die Computer Einzug in die APA-Redaktion – eine Pionierleistung in der damaligen Zeitungslandschaft. Und Chefredakteur Schönherr ließ es zu, dass wir in der APA das erste Job-Sharing-Modell im heimischen Journalismus realisierten: Zwei Mütter, Dr. Renate Redl und ich, teilten uns einen Arbeitsplatz als Wirtschafts-Redakteurinnen.

Was Otto Schönherr als Mensch besonders auszeichnete, war seine unglaubliche Wachheit und Beweglichkeit. Er hat, wie er mir bei unserem letzte Treffen bei der Verleihung des Concordia-Preises  2014 erzählte,  142 Staaten der Erde bereist. Auf einer Weltkarte hat er jedes dieser Länder  mit einem Fähnchen gekennzeichnet. Eine Marotte, die ich gern übernommen habe.

Otto Schönherr war ein Mann in Bewegung. Niemals in seinem Leben benutzte er einen Lift, solange das Ziel im vierten Stock lag. Da die APA- Chefredaktion  im vierten Stock war, lief er täglich mehrmals die Treppen auf und ab. Und bis drei Monate vor seinem Tod pflegte er mit Freunden und Bekannten zu wandern. Bei jedem Wetter. Jeden Samstag.

Danke Otto Schönherr.

Wenn es eine Himmelsleiter gibt, wird Otto Schönherr problemlos auf ihr hinaufklettern – mit vielen Fragen im Rucksack.

Please like & share:

Tags:

Seiten: 1 2

Beitrag kommentieren

Alle Kommentare:

  • Michael Hann

    30.01.2015 | 14:09 Uhr

    Liebe Lydia,
    das ist ein sehr schöner Nachruf. Er hat den Vorteil, dass er auch stimmt.

    ...................................................