Gib dem Panda Äpfel

| 09.10.2014 | Reise

In Chengdu leben die Pandabären  in einem Freigehege. Es ist schwül und heiß. Die erwachsenen Tiere fläzen sich faul auf einem Gestänge. Ihre Fans sind ihnen wurscht, wie in Schönbrunn. Sie ignorieren selbst  die jungen feschen Praktikantinnen, die extra aus den USA zur wissenschaftlichen Pandabeobachtung nach China gekommen sind. Auf einem Block müssen die Studentinnen jede Bewegung der Tiere notieren. Doch die Bären treiben sie zur Verzweiflung: Stundenlang aalen sie sich reglos in der Sonne. Jane aus San Francisco weiß nicht, wie sie diese Langeweile noch länger ertragen soll.

Zum Glück gibt es junge Pandas in Chengdu. Die toben und purzeln ausgelassen über die Wiese, balgen und knuddeln sich, sehr zum Entzücken aller wissenschaftlichen und dilettantischen Zuschauer. Ein forscher Kletterer wirft sich plötzlich flach auf den Bauch und blinzelt  in die Sonne. Sieht ganz so aus, als trainiere er schon mal vor fürs ewige Chillen als Erwachsener.

Stundenlang stehen die Besucher in Chengdu vor dem Gehege, knipsen die Panda-Show.  Wie in Wien -   nur sind halt mehr Chinesen im Publikum. In Chengdu dürfen die Bären-Fans gegen Bezahlung  die Pandas sogar streicheln. Super. Wenn ich schon hier bin, will ich nicht nur schauen und fotografieren, sondern auch wissen, wie  Pandas sich anfühlen. Sind sie wirklich so fein kuschelig wie sie ausschauen?

Mein Mann und ich lösen die Karten. Jede Menge Leute vor uns in der Warteschlange. Und reichlich Zeit zum Beobachten der Streichel-Einheiten von Mensch und Tier. Irritierend: Ein Wärter zieht kurzerhand einen der Streichelpandas ab. Wir erfahren: Er sei  momentan einfach zu aggressiv. Upps! Keinen Augenblick zuvor hatte ich an die wilde Natur der Kuschelbären gedacht.

Trotzdem: The show must go on, und endlich sind wir dran. Respektvoll nähere ich mich dem Riesentier. Leider stinkt es fürchterlich. Doch das hält mich nicht ab vom Körperkontakt. Allerdings ist es der Wärter, der Foto-Shooting und Streicheln möglich macht. Denn der füttert derweilen „meinen“ Vorzeige-Panda mit Äpfeln.

Diese fatale Frucht, deren Verzehr uns Menschen einst  aus dem Paradies vertrieb,  wirkt offensichtlich Wunder in der Tierwelt. Außer Elchen und Kühen (http://www.lydianinz.at/613/alk-alarm-im-reich-der-tiere)  fahren auch Pandas voll auf Äpfel ab.  Solange der Bär Äpfel zu kauen hat, interessieren ihn die Typen neben ihm null die Bohne.

Zögerlich nähere ich mich dem Panda. Meine Hand steckt in einem durchsichtigen Handschuh. Vorschrift ist Vorschrift,  in China noch drastischer als anderswo. Trotzdem. Ich spüre es selbst durch den Handschuhfilter:  Meister Pandas Zottelfell ist nicht kuschelweich, sondern rau.

Gebongt. Ich verinnerliche: Pandas sind wilde Bären, auch wenn sie noch so putzig  wirken. Dem Augenschein zum Trotz ist ihr Kuschelfaktor null, ihr Erkenntnisfaktor medioker, nur ihr Spaß- und Sympathiefaktor exorbitant. Aber dieses ganz gewöhnliche, weltweit massenhaft verfügbare  Obst, diese Äpfel – die geben echt viel mehr her, als wir Menschen uns träumen lassen

Zur Panda- Fotogallerie von Helmut Kasper

 

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