VW Skandal: Zündstoff aus USA

| 07.02.2018 | Wirtschaft

In den USA mehren sich Hinweise, dass die Staatsanwaltschaft gegen Winterkorn vorgehen wird, bisher gab es dazu aber kein Okay seitens der Gerichte, schreibt Parloff. Allerdings hätten Anklagen gehen Winterkorn nur  symbolischen Wert, da Deutschland seine Staatsbürger nicht ausliefert. Die Betrügereien mit der Schummel-Software wurde von ganz oben unterstützt, auch wenn sie vielleicht von einer kleineren Gruppe von Technikern ausgegangen sein mag, ist sich der US-Journalist und Aufdecker sicher.

Ex-VW-Manager Oliver Schmidt, der vergangenen Dezember zu sieben Jahre Gefängnis verurteilt wurde, hat seit Juni 2015 hat von den Manipulationen gewusst und die US-Behörden in die Irre geführt.  Bei seiner Verurteilung war klar, dass er nicht der Mastermind gewesen ist, sondern nur Handlanger. Schmidt habe mit einem anderen Kollegen am 27. Juli 2015 seinem CEO Winterkorn, imponieren wollen. Die US-Behörden hatten die Zulassung der neuen Diesel 2016 verweigert, weil Tests ergeben hatten, dass Diesel-Pkw auf der Straße fast 40 mal mehr NOX ausstoßen als auf dem Prüfstand.

Bei diesem Meeting machte Schmidt in Anwesenheit von Winterkorn unmittelbar klar, dass VW betrügt und wie dieser Betrug genau abläuft. Schmidt habe auch vor den Reaktionen der US-Behörde gewarnt. Doch Winterkorn dachte nicht daran, die US Behörden über die Manipulation zu informieren, sondern schickte Schmidt zurück in die USA zu einem informellen Treffen mit einem Vertreter der Umweltbehörde CARB,  um doch noch die Zulassung der Diesel 2016 zu erwirken.

Viel stand auf dem Spiel: Ohne diese Zulassung wäre die Strategie des Konzerns nicht aufgegangen, bis 2018 weltweit die Nummer eins vor Toyota zu werden. Bevor Schmidt  in die USA zurück reiste, stimmte er noch mit mindestens vier Managern unterhalb Winterkorn die Geschichte ab, die man den US-Behörden erzählen wollte. Im August  setzte Schmidt zwei CARB-Vertretern seine Lügengeschichte vor und meldete den Gesprächsverlauf an seinen Boss und weiteren 10 „Senior“-Managern nach Deutschland.

Ein anderer Kollege von Schmidt hatte nicht so starke Nerven und gab am 19. August gegenüber CARB den Betrug zu. Am 3. September hat ein VW-Vertreter diesen Betrug auch offiziell gegenüber CARB zugegeben. Am 18. September 2015 machten die zwei US-Umweltbehörden CARB und EPA diese Vorwürfe öffentlich. Fünf Tage später, am 23. September trat Winterkorn zurück. Er und der Vorstand betonten, von den Ereignissen in den letzten Tagen überrascht worden zu sein und den Ausdruck „defeat device“ nie gehört zu haben. Auch bei seiner Einvernahme vor dem Bundestag im Jänner 2017 blieb Winterkorn bei dieser Version.

Das soeben publizierte Dossier liest sich wie ein perfekt geschriebener Krimi. Teile des Krimis sind schon aus den Medien bekannt, doch nun ergibt sich langsam das komplette Puzzle. Ich fasse Ausschnitte dieser langen Story zusammen, die – wie gesagt – sich auf viele verschiedene Unterlagen vor US-Gerichten stützt und füge meine Zwischenbemerkungen hinzu. (Natürlich gilt für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung, nicht wahr?)

2006 wurde unter dem früheren VW-CEO Bernd Pischetsrieder eine US-Strategie entwickelt und von Martin Winterkorn 2007 weitergeführt, der ab Anfang 2007 das Zepter als VW-CEO übernommen hatte. Um das Ziel zu erreichen, VW bis 2018 weltweit zur  Nummer 1 zu machen, mussten die darniederliegenden US-Verkäufe verdreifacht werden. Der Hebel dazu war „Clean Diesel“, der die strengen Grenzwerte in den USA einhalten sollte, die ein Sechstel (32 mg) des europäischen Grenzwertes (180 mg) ausmachten, also viel strenger sind.

Bereits unter Pischetsrieder 2006 und dann unter Winterkorn wurden intern zwei Gruppen von Ingenieuren beauftragt, einen sauberen Diesel für den US-Markt zu machen, eine Gruppe für 2.0 Liter Motoren von VW, die andere für 3.0 Liter Motoren für VW und Audi. Beide Gruppen verfielen unabhängig voneinander auf die Idee, eine „ defeat advice“ (Schummelsoftware) einzusetzen, wie sie Audi 1999 entwickelt und in den V6 SUV Diesel für Europa in den Jahren 2004-2006 eingesetzt hat, also in der Zeit, als Winterkorn noch CEO von Audi und Wolfgang Hatz sein Chefentwickler gewesen war.

Zwischenbemerkung von mir: Ein starkes Stück zu wissen, dass Audi in Europa schon so lange betrogen haben soll (Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung), unter Winterkorn als Boss.

Zwischen 2006 und 2015 wussten fünf Top-Leute von den Schwindeleien innerhalb des VW Konzern Bescheid, enthüllt das Dossier –  hintereinander alle vier Chefs der Motorenentwicklung der Marke VW sowie- von Anfang an – der Chef der Auspuff- Kontrolle für den gesamten VW Konzern. (Drei davon wurden in den USA angeklagt, können dort nicht verhaftet werden. Keiner der fünf ist in Deutschland angeklagt)

2008 erfuhr Audi gerüchteweise von den Manipulationen bei der „Schwester“ VW. US-Staatsanwälte beteuern, dass das Techniker Team Anfang Jänner 2008 seinem Chef Giovanni P. und einigen hochrangigen Audi-Führungskräften eine Präsentation geschickt haben, die davor warnt, dass die Software-Lösung  möglicherweise illegal  und in den USA höchst problematisch sei. Im Juli 2008 schrieb ein Mitarbeiter des Audi-Umweltteams ebenso an Giovanni P., dass die Software nicht zu verteidigen wäre. Trotzdem wurde der Plan weiter umgesetzt. (Giovanni P. wurde im Juli in Detroid angeklagt und im selben Monat in München gefangen genommen. Seine Anwälte dementieren).

2011 im September wurde das Know how mit der Schummel-Software  auch  an die Porsche-Technikern weitergegeben, geht aus einer Zivilklage des Staates New York hervor. VW hatte Porsche inzwischen ja gekauft. Porsche sollte den Cayenne SUV für US-Markt produzieren. Hatz war bei Porsche als Chef für Forschung und Entwicklung von Winterkorn installiert worden, wo er Hand in Hand mit dem jetzigen VW Chef Matthias Müller arbeitete.

Inzwischen gab es bei VW in Wolfsburg  mit den manipulierten Autos immer mehr Probleme. Die eigentlich nur für den Prüfstand gedachte Sauber-Software schaltete sich mitunter auch im Straßenbetrieb ein und führte zu Störungen. VW Techniker Liang schlug  im September 2011 vor, dafür zu sorgen, dass diese saubere Schummel-Software auf der Straße komplett ausgeschaltet bleibt, also die Autos mehr NOX in die Luft bliesen, dafür aber reibungslos funktionierten.

Im Juli 2012 traf sich Liang mit Hans Jakob Neusser und Bernd Gottweis, der als „Feuerpolizei“ an Frank T. meldete. T. war oberster Qualitätsmanager, der sich einmal pro Woche mit Winterkorn traf. Liangs Vorschlag wurde aufgenommen und alle neuen Diesel ab Mitte 2013 mit dieser verfeinerten Schummel-Software ausgestattet. 2014 wurde ein Rückruf gestartet, um auch die vorherigen Modelle mit der  schmutzigeren Schummel-Software auszustatten.  Kunden gegenüber hat man Probleme mit der Lichtlampe und Umweltprobleme vorgeschoben. (Neusser und Gottweis wurden in USA beschuldigt, nicht aber in Deutschland. Beide dementieren)

Zwischenbemerkung von mir: Wahrlich ein starkes Stück. Statt endlich das Problem bei der Wurzel zu packen, wurde der Betrug auch noch verschärft, alte und neue Autos noch schmutziger für die Straße gemacht und alle Kunden beim Rückruf skrupellos angelogen! Schmecks, was geht das die Kunden an, was wir beim Rückruf treiben?

Ende 2013 ließ ein Audi-Manager, aufgeschreckt durch die Umweltabteilung, eine Power-Point-Präsentation für einen damals hochrangigen Vorstands-Manager bei Audi ausarbeiten, wo genau aufgezeigt wird, wie die Schummel-Software funktioniert. Den Adressaten wurde angeordnet, diese E-Mail sofort samt Anhang zu löschen.  Schmidt bekam eine andere Version von dieser Präsentation zu sehen und riet, sie  vom Verteiler zu nehmen. Wenn der Inhalt bekannt werden würde, könne VW große Probleme bekommen.

Im März 2014 machten innerhalb von VW zunehmend Gerüchte über Manipulationen die Runde und es wurde eine West Virginia Studie bekannt, die im Mai 2004 präsentiert werden sollte.  In Wolfsburg kamen Neusser, Gottweis und andere Ingenieure zusammen, um laut US-Staatsanwälten „zusammenzubrauen“, wie man Fragen ausweichend und in falsche Richtung lenkend  beantworten könnte.

Am 23 Mai schrieb Gottweis ein Memo, das über T. zu Winterkorn kam  und in dem Gottweis auf das“ defeate device“  hinwies und dass man den Behörden keine Erklärung für die zu hohen Stickoxide liefern könne und das diese wohl Untersuchungen anstellen würden. Gleichzeitig sagte er auch, dass man an einer Software arbeite, mit der man die realen Emissionen etwas senken könne, aber nicht ausreichend, um den Grenzwert einzuhalten ( Niemand will bezeugen, ob Winterkorn das Memo tatsächlich gelesen hat, dessen Inhalt die Bildzeitung 2016 publizierte. T. wurde im Oktober 2015 gefeuert und ist im Februar 2016 zurückgetreten. Winterkorn meinte nach Interpretation seiner Anwälte, dass damit nur eine generelle Befürchtung zum Ausdruck gebracht worden sei und der allgemeine Hinweis, dass die US Behörden grundsätzlich nach einer defeat device suchen könnten.)

VW, darunter Manager Liang, lügen  die US-Umweltbehörden EPA und CARP weiter an und stellte ihnen Ende 2014 ein neuerliches Software-Update in Aussicht. Auf einer A-4 Seite wurde Winterkorn davon informiert, dass dieses 20 Mio. Dollar kosten würde – bei 12, 7 Mrd. Dollar Gewinn wirklich nur ein Klacks!

Anfang 2015 stellte CARB aber noch immer viel zu hohe  Stickoxid-Werte der upgedateten Fahrzeuge fest.

Zwischenbemerkung von mir: Unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit hier vorgegangen wurde. Die Behörden wurden jahrelang angelogen und man hat die Kosten und Mühen von zwei Updates nicht gescheut, um die Behörden und Kunden bewusst hinters Licht zu führen. Es gibt interne „Kritiker“ und „Warner“. Sie argumentierten mit Angst vor Skandalen und Strafen. Nicht einmal die Kritiker haben auch nur eine einzige Sekunde erwogen, die Autos echt sauberer zu machen

Im Juli 2015 verweigerte die US Behörde die Genehmigung der neuen Diesel 2016-Generation. Jetzt war bei VW Feuer am Dach und es kam zu dem eingangs erwähnten Meeting von 27. Juli 2015, an dem neben Liang auch Schmidt, Winterkorn und Diess teilgenommen haben. Dabei wurde der Betrug genau geschildert (Je nach Version während der Sitzung oder danach anschließend) und Schmidt damit beauftragt, die US-Behörden weiter zu belügen. Ein Lügenmärchen wurde gezimmert, die Schmidt den US-Behörden aufzutischen hatte.

Zwischenbemerkung von mir: Selbst als alles auf dem Spiel stand – die Zulassung neuer Autos in den USA – hat VW nicht im entferntesten daran gedacht, die Autos sauberer zu bauen. Es wurde einfach stur weiter geschwindelt.

Als ein anderer Kollege von Schmidt am 19. August 2015 gegenüber CARB den Betrug zugegeben hatte wurden Mitarbeiter von VW gegen Monatsende aufgefordert, gewisse Mails zu löschen. 40 VW Manager und Leute von Bosch haben das auch gemacht. VW hat den Braten gerochen und dann eine US Kanzlei gefragt, was an Schaden entstehen könnte. Man hat dieser Kanzlei jedoch den wichtigen Umstand verschwiegen, dass man die Börde jahrelang an der Nase herumgeführt hatte. Daher hat diese Kanzlei das Problem auch völlig unterschätzt.

Zwischenbemerkung von mir: Wie kurzsichtig und leichtsinnig: Man füttert in einer Krisensituation einen externen Experten nur mit ein paar Brocken und verschweigt die wichtigsten Fakten. Dennoch stützt man sich auf die daraus resultierende Expertise, die nur falsch sein kann – notgedrungen!

Am 3. September 2015 hat ein VW-Vertreter diesen Betrug auch offiziell gegenüber den US-Behörden (CARB ) zugegeben, keinesfalls aber gegenüber den eigenen Aktionären, wozu er verpflichtet gewesen wäre.

Am 18. September 2015 machten die zwei US-Umweltbehörden CARB und EPA diese Vorwürfe öffentlich.

Am 23. September, fünf Tage später, tritt Winterkorn zurück. Er und der Vorstand betonten, von den Ereignissen in den letzten Tagen überrascht worden zu sein und den Ausdruck „defeat device“ nie gehört zu haben. Auch bei seiner Einvernahme vor dem Bundestag im Jänner 2017 blieb Winterkorn bei dieser Version.

Abschließend zu diesem umfassenden Dossier von ProPublica: Erschütternd  ist, wie gering die amerikanischen Investigativ-Journalisten  die Chancen einschätzen, dass hochrangige Manager auch in Europa angeklagt und verurteilt werden. In Europa könne man, so ihre Schlußfolgerung, nicht nur Konsumenten straflos über den Tisch ziehen, sondern auch die Behörden. Auch darüber, dass betrogene Käufer in Europa nichts anderes kriegen als ein undurchschaubares Update, schütteln die amerikanischen Kollegen ihre Köpfe. Bestenfalls halten sie es für möglich, dass VW ihren Aktionären einige Hundert Millionen Euro zahlen werden müssen. Schlimmstenfalls bleibt alles an den “kleinen” Managern hängen, die den US-Behörden ins Netz gegangen sind.

Hoffentlich täuschen sich die Investigativ-Kollegen in diesem Punkt, kann ich mir nur wünschen.

 

 

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