VW: Auto weg, Widerstand bleibt

| 07.01.2018 | Wirtschaft

Warum habe ich verkauft?

Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass mein Tiguan bis zu 900 Milligramm Stickoxid pro Kilometer in die Luft bläst statt knapp 120 Milligramm laut Zulassung.

Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass das Software-Update keine gesicherte Senkung dieser Abgasmenge bringen würde.

Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass der Konzern, die Politik in Österreich und in Europa uns unfreiwillige Käufer von Schummelautos komplett hängen ließ.

Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass diese unpackbare Umweltmogelei (und auch die anderer Autokonzerne) offenbar keine Behörde kratzt, auch jene Behörden nicht, die strengere Umweltvorschriften auf Europa-Ebene mühsam durchgesetzt haben.

Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass man ohne scharfe Rechts- Instrumente keinen Kampf gewinnen kann.

Dass ich mich auf keinen Fall daran beteiligen wollte, die Gesundheit anderer Menschen zu gefährden, stand von Anfang an fest. Daher hatte ich mich ja 2011 genau für dieses Auto entschieden, mit (scheinbar) günstigem Treibstoffverbrauch und (scheinbar) sensationell niedrigen Abgaswerten.

Warum so rasch?

Seit Sommer 2017 sinken die Preise für gebrauchte Dieselfahrzeuge selbst in der Dieselhochburg Österreich. In Schwung kam die Wertvernichtung für gebrauchte Selbstzünder seit dem Diesel-Gipfel im Sommer, wo die Branche die Preisschlacht für Neufahrzeuge mit Hilfe des Verkehrsministers ankündigen durfte. Sollte ich tatenlos zuschauen, wie mein Pkw täglich an Wert verliert? Das Tüpfchen auf dem „I“ war der Wunsch von VW-Chef Müller, sich vom „Dieselprivileg“ zu verabschieden. Zuerst die Kunden betrügen, sie dann mit sinnlosen Updates an der Nase herumführen und obendrein noch aktiv  weitere Verschlechterungen einfordern. Nicht mit mir, Herr Müller!

Wie lief der Verkauf?

Zuerst fuhr ich zum Update in meine Kfz-Werkstatt, um vom Start weg keinen Verkaufsnachteil zu haben. Danach eierte mein Tiguan nach jedem Start herum, um dann reibungslos zu fahren. Ich kam nicht mehr dazu, den Dieselverbrauch zu überprüfen, sondern recherchierte schleunigst die Marktpreise: Laut EUROTAX sollte ich für mein Modell mit seinen 124.000 km noch 16.112  Euro (Händlerpreis) bekommen, laut Autospiegel hingegen „nur“ 13.500 Euro (Mittelwert).

Als erstes kontaktierte ich jenen Herrn, der mir schon fünf Zettel in die Autoscheibe geklemmt hatte. 11.500 Euro bot er mir als Höchstpreis, ohne sich mein bestens gepflegtes Exemplar auch nur anzuschauen. Sofort war klar: Nein, zu diesem Spottpreis werde ich nicht verkaufen.

Zum Glück gibt’s Alternativen. Also hin zu „Wir kaufen Dein Auto“, in den 23. Wiener Bezirk. Diesmal wird der Tiguan genau taxiert, inklusive Probefahrt. 13.500 Euro lautet das Angebot. Nein, auch dieses Schmerzensgeld ist mir zu nieder.

Jetzt stelle ich den Tiguan auf die „Will haben“ Website, mit Fotos und allem Pipapo. Mit 17.000 Euro fange ich an. Einige Tage verstreichen ergebnislos, daher senke ich auf 16.800 Euro. Nun kommen einige Angebote herein, allesamt rund um 14.000 Euro. Einer bietet 14.800 Euro. Ich fange an zu überlegen.

Plötzlich meldet sich eine Interessentin am Telefon. Schon am übernächsten Tag will sie den Tiguan besichtigen. Sie kommt mit zwei Männern, einer davon ein Kfz-Techniker. Nach kurzer Probefahrt einigen wir uns auf 15.500 Euro. Drei Tage später ist mein Leben als Tiguan-Besitzerin Geschichte.

 

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