Dieselgate: Persönlich betroffen

| 09.10.2015 | Verkehr

Das herauszufinden ist kinderleicht.  Es genügt  diesen Link  aufzurufen und die eigene Fahrzeug-Identifizierungsnummer (FIN) einzugeben. Zu finden ist die FIN im Zulassungsschein unter Punkt E. Es ist siebzehn stellige Kombination aus Buchstaben und Ziffern. (Man kann auch den eigenen Händler kontaktieren oder die Hotline-Nummer der Porsche-Holding anrufen: 0662/46813500)

Wenn das Fahrzeug von den Manipulationen betroffen ist und per Internet nachgefragt hat, kommt von VW folgende Antwort:

 

 

 

Antwort von VW

 

 

Schwarz auf weiß bestätigt VW also, dass mein Tiguan auf dem Prüfstand “optimiert” wurde. Ernüchterung macht sich breit. Selten bin ich mit einem Auto so gern gefahren wie mit dem Tiguan. Er liegt gut in der Hand und auf der Straße, bietet Überblick und Sicherheit, fünf Leute haben bequem Platz. Er eignet sich für viele Zwecke und ist bei Fernfahrten unschlagbar bequem. 2012 habe ich mich bewusst den Diesel Blue Motion entschieden. Nicht nur, weil er relativ sparsam im Spritverbrauch ist, sondern wegen seiner niedrigen Schadstoffwerte. Ich hatte und habe keine Interesse, die Umwelt unnötig zu verschmutzen und auf deutsche Ingenieurskunst und Verlässlichkeit vertraut. Mindestens drei Personen in meinem privaten Umfeld habe ich mit meiner Begeisterung angesteckt, sodass sie sich ebenfalls so einen Tiguan zulegt haben. Und jetzt das!

Als erstes melde ich mich sofort beim Verein für Konsumenteninformation (VKI), der eine Sammelklage auslotet. Die paar Fragebogenseiten sind mit Hilfe des Zulassungsscheines rasch ausgefüllt. Mit zu tun, kostet nichts und schadet auf keinem Fall. 15.000 Menschen machen bisher mit. Wer mit dabei sein möchte, sollte sich möglich rasch anmelden. Hier der Link.

Die nächsten Fragen. Wie verschmutzend ist mein Tiguan, wieviel  Schadstoffe produziert er tatsächlich? Liegt der Ausstoß über dem zulässigen Grenzwert?

Vorweg ist klar: Es geht um das Stickoxid (NOX), einen Schadstoff, der unserer Gesundheit schadet und vor allem die Atemwege angreift.  Er entsteht gemeinsam mit anderen Schadstoffen im Motor, wenn Diesel im Auto gezündet wird. Während andere Schadstoffe (wie Kohlenmonoxid und Kohlenwasserstoff)  im Katalysator umgewandelt  werden können, braucht es zur Reduktion des  Stickoxides eine innermotorische Extrabehandlung.  Diese kann in zwei Schritten erfolgen: durch Abgasrückführungsmaßnahmen (AGR) und – wenn das nicht reicht –  etwa durch die Zuführung von Harnstoff (ad blue).

Die VW Gruppe hat zugegeben, diese NOX-Säuberungsmechanismen nur auf dem Prüfstand aktiviert zu haben, nicht aber beim Fahren. Daher emittiert mein Auto auf der Straße mehr NOX als im Zulassungsschein steht. Dort ist unter V1 zu lesen, dass mein Tiguan 119,8 Milligramm (mg)  NOX pro Kilometer ausstößt. Das ist ein niedriger Wert, der unter der vorgeschriebenen Norm liegt. Zwischen 2009 und September 2015 galt in Europa für jedes neu typisierte Auto die Abgasnorm Euro 5,  die für jeden einzelnen Schadstoff einen Grenzwert festlegt, der nicht überschritten werden darf (Seit September 2015 gilt die strengere Norm „Euro“ 6). Euro 5  lässt einen NOX Ausstoß von 180 mg pro Kilometer zu. Damit läge mein Auto mit 119,8 mg pro km sogar um ein Drittel unter dem erlaubten Grenzwert von 180 mg pro km. Leider nur auf dem Papier und auf dem manipulierten Prüfstand, wie wir jetzt wissen!

Wieviel NOX ich nun tatsächlich in die Luft jage, ist derzeit noch völlig offen. Die rechtliche Kernfrage ist, ob der vorgeschriebene Grenzwert auch ohne die Abschaltsoftware eingehalten worden wäre oder nicht. Wenn die Grenzwerte ohne Schummeln nicht eingehalten worden wären, wäre das ein Betrug des Herstellers, eine Täuschung von Behörden und Kunden, gegen die man auf alle Fälle Schadenersatzansprüche geltend machen kann, egal wie lange der Fahrzeugkauf schon zurückliegt. Aber allein schon der Einbau einer verbotenen Schummelsoftware (“Defeat Device”) ist verboten! Die genaue Antwort darauf kann nur VW geben und sie wird pro Autotyp unterschiedlich ausfallen. Viel wird darauf ankommen, wie VW gegenüber uns betroffenen Kunden agiert.

Als Konsumentin will ich jedenfalls so rasch als möglich wissen, wie hoch der Unterschied  tatsächlich ist und was VW dagegen tun wird. Aus bisherigen Medienberichten über die USA ist zu entnehmen, dass die auf der Straße tatsächlich gemessenen Werte zehn- bis 40fach höher sein sollen als die mit der Manipulationssoftware erreichten Werte auf dem Prüfstand. Eine sehr interessante Dokumentation des ARD (Link) über die unbegreiflichen Abläufe in den USA bis zum Auffliegen des Skandals zeigt, dass die auf dem Prüfstand in den USA erzielten Werte nach Ausschalten Manipulationssoftware „deutlich“ höher waren als  mit dem Schummelprogramm. Dazu muss man wissen, dass in den USA für Stickoxide ein Grenzwert von 43 mg pro km gilt, das ist doppelt so streng wie bei uns in Europa, wo Euro 6 einen Grenzwert von 80 mg pro km vorschreibt. (Warum das so ist, ist ein eigenes und zu hinterfragendes Thema.)

Neben der Frage, was man rechtlich als Betroffene tun kann, ist auch die Frage, wie ein zu hoher NOX-Ausstoß technisch repariert werden kann.  Noch zu klären ist nach den neuesten Medienberichten aus Deutschland (Süddeutsche Zeitung, WRD, NDR) auch die Frage, ob in Europa nicht “nur” die NOX-Werte manipuliert wurden, sondern auch noch der Treibstoffverbrauch.

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