Gesamtschule: Schubumkehr aus Tirol?

| 04.09.2015 | Wirtschaft

Finnland hat 1970 damit aufgehört, Kinder schon im zarten Alter von 10 Jahren schulisch zu trennen und eine gemeinsame Schule bis 15 Jahre eingeführt. Das Ergebnis laut WU-Studie: die Chancengerechtigkeit der Kids hat sich deutlich erhöht. Heute rangiert Finnland  in den Pisa-Tests  stets ganz vorne – eine Nivellierung nach unten ist offensichtlich nicht passiert.

In Österreich hält man stur daran fest, den Nachwuchs bereits mit 9  Jahren gnadenlos zu selektieren: die „Guten“ ins Gymnasium, die „Schlechten“ in die Hauptschule. Kinder aus Familien ohne großen Bildungs- oder mit Migrationshintergrund schaffen die Hürde zur höheren Bildung nur schwer, ebenso „Spätzünder“, die in ihrer individuellen Entwicklung noch nicht so weit sind. Ohne elterlichen Schub – entweder durch persönliche Nachhilfe oder bezahlte Nahhilfelehrer – ist die Matura kaum zu schaffen.

Eine ungewöhnliche Allianz kämpft in Österreich seit Jahren für gerechtere Chancen für alle Kinder: Industriellenvereinigung, Grüne, SPÖ, Bildungsministerin und eine tatkräftige Initiative mit Hannes Androsch an der Spitze. Doch ihre Reformbemühungen prallen an den starren Beharrungskräften von Lehrern und ihren Standesvertretern ab, denen große Teile der ÖVP eisern die Stange hält.

Hoffnung auf eine Schubumkehr gibt es trotzdem. Sie kommt aus Tirol – nicht nur aus dem weltberühmten Denkerdorf Alpbach. Hoffnungsträger Nummer Eins ist der Landeshauptmann von Tirol, Günther Platter von der ÖVP. Der stramm konservative Politiker setzt sich – gegen die Parteilinie – für die Gesamtschule ein. Warum, hat er mir vor einem Jahr im persönlichem Gespräch so erklärt: „Ich habe Verwandte in Südtirol und sehe, wie gut die Gesamtschule dort funktioniert.“

Tatsächlich gibt es im konservativ regierten Südtirol schon seit den sechziger Jahren die Gesamtschule. Diese ist keinesfalls eine Komfortzone für faule Schüler, sondern das Gegenteil: hier werden die Kinder in der Schule extrem gefordert, aber auch gefördert. Das Bildungsniveau des Elternhauses spielt eine weit geringere Rolle. Als geborene Südtirolerin bin ich selbst ein Produkt dieser Gesamtschule. Auch bei den Pisa-Rankings kann das kleine Südtirol seit Jahren groß auftrumpfen.

Wie gut, dass Günther Platter gemeinsam mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl die Vertreter der Länder in der Bildungsreformkommission sind..

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